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Ein mystisches Eismärchen


Diese Präsentationsidee von Carl F. Bucherer finde ich einfach genial: Ein Märchen erklärt die Entstehung einer Uhr. Meine Töchter fanden die Geschichte sehr schön … und waren am Ende baff, als ich ihnen erklärte, dass die Uhr am Ende des Märchens aus den Tränen der Prinzessin erstellt wurde.

Und hier kommt das Märchen dazu: Ein mystisches Eismärchen

In einem Reich, in dem Schnee die Hügel in jeder Jahreszeit bedeckt und kalter Frost an jedem Tag rau an den kargen Felsen zerrt, lebt eine Königin. Sie herrscht über den Wind und die Luft und die wärmenden Sonnenstrahlen. Ihre Tochter aber schenkte den Menschen den feinen, weißen Schnee im Winter. Freude und Traurigkeit füllten gleichermaßen das Herz der Königin, wann immer sie die Prinzessin anschaute. Sie war von einer anmutigen Schönheit mit ihren kristallenen Augen und einer Stimme, die wie ein feines Glockenspiel auf Eiszapfen vibrierte. Doch weil alles an ihr aus Eis gemacht war, sogar ihr Herz, brauchte sie die eisige Kälte des Winters. Und darum war es im Land der Königin immer kalt. So lebten sie viele Jahre und nur die Königin litt ein wenig, dass ihre wunderschöne Tochter niemals Wärme erleben konnte.

Eines Tages, der Winter hatte kaum begonnen, geschah etwas Ungewöhnliches. Ein Sturm zog über das Dorf hinweg, in dem die Prinzessin gerade den ersten Schnee hinabfallen ließ. Ein einzelner Mann aber lief unbeirrbar einen Pfad entlang, fort von den Häusern, mitten im Schneegestöber, das um ihn herumwirbelte. Erstaunt und neugierig beschloss sie ihm zu folgen. Bald befanden sie sich im Schutz eines tiefer gelegenen Tales, sicher vor dem Tosen des Sturms. Nur die kleinen Schneeflocken fanden ihren Weg auch an diesen stillen Ort. Staunend beobachtete die Prinzessin, wie der junge Mann seine Arme ausbreitete und den Kopf in den Nacken legte. Wie um ihn sanft zu streicheln, rieselten die kleinsten und feinsten Schneeflocken auf ihn nieder, um gleich darauf auf seiner warmen Haut zu schmelzen. Etwas Seltsames geschah. Fremde, unbekannte Gefühle stiegen in ihr auf und verwirrten sie. Der junge Mann öffnete seine Augen und sah vor sich die Prinzessin. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Erschrocken floh sie und kehrte in den Eispalast ihrer Mutter zurück. Überwältigt von diesen neuen Gefühlen und der eigenartigen Schwere in ihrer Brust lief sie zu ihrer Mutter. „Mein Kind,“ sagte sie, „es ist bestimmt nur seine Begeisterung für den Tanz der ersten Schneeflocken gewesen, die du plötzlich in deinem Herzen gefühlt hast.“ Aber das konnte sie nicht glauben. Als er sie angeschaut hatte, war ihr gewesen, als zerbräche etwas in ihr. So viele Menschen hatte sie im Schnee tollen, aus den kalten Flocken Bälle und Figuren formen sehen, hindurchlaufend und -stapfend, aber bei ihm war es anders. Wieder durchfuhr das seltsame Gefühl ihre Brust und es war, als ob das Eis zerschellen würde, aus dem ihr Herz bestand. Gleichzeitig spürte sie eine tiefe Glückseligkeit, ein sonderbares Gefühl, denn sie kannte Freude und Traurigkeit nicht. So beschloss sie, zu dem von hohen Bergen umgebenen Tal zurückzukehren. Der junge Mann war fort, aber gedankenverloren blieb sie.

Begegnung
Begegnung

Am nächsten Morgen erhob sie sich von dem großen Felsvorsprung, auf dem sie sich in der Nacht niedergelassen hatte, als sie plötzlich den jungen Mann entdeckte, der traurig über den Platz wanderte. Beide erstarrten, als ihre Blicke sich trafen. Langsam, als würde die Sekunde des Wiedererkennens bis in die Ewigkeit reichen, traten sie aufeinander zu, bis nur wenige Meter zwischen ihnen blieben. „Warum lächelst du?“, fragte sie ihn, weil sie an die Worte ihrer Mutter dachte. Er trat einen Schritt vor und sie wich zurück. „Hab keine Angst!“, sagte er, „Es ist nur so, dass ich, immer, wenn die ersten Schneeflocken fielen, hinausgelaufen bin, um dich zu finden. Und nun, wo du endlich vor mir stehst, bin ich so überwältigt, dass ich nicht weiß, was ich sagen kann, um dich zum Bleiben zu überreden.“ Er streckte einen Arm aus, doch sie wich zurück. „Warum willst du, dass ich bleibe?“, fragte sie ihn erstaunt. „Weil ich dich liebe.“ Diese wenigen Worte waren nur ein Flüstern, dennoch hallten sie laut in ihrem Inneren wider. Ein lähmendes Gefühl der Angst überkam sie, als er zögernd auf sie zukam und das Herz in ihrer Brust, das sie nie zuvor schlagen gefühlt hatte, laut und unregelmäßig zu pochen begann. Und wieder lief sie davon. Nach ihrer Rückkehr in den Palast zog sie sich zurück. Tagelang drang nichts als Weinen aus ihren Räumen. Tränen aus Eis säumten den Weg, dem die Königin folgte, um ihre Tochter zu finden.

„Wie gerne hätte ich dir dies erspart …“, flüsterte die Königin, als sie den Kummer ihrer Tochter sah. Hilfesuchend klammerte die Prinzessin sich an ihre Mutter. „Wie kann das sein, dass ich mein Herz auf einmal fühle?“, fragte sie. Unglücklich schaute die Prinzessin zu ihrer Mutter auf, die sich tröstend über sie gebeugt hatte. „Und wenn ich ihn anschaue, fühle ich so viel Freude, wie kann es dann sein, dass es gleichzeitig so weh tut?“ Seufzend nahm die Königin ihre Tochter in den Arm. „Mein Kind, die Liebe erschafft Wärme in den Herzen und auch das kälteste Eis kann ihr nicht widerstehen. Du musst ihn vergessen, denn die Hitze seiner Liebe könnte dein Herz schmelzen lassen.“ Entsetzt starrte ihre Tochter sie an und so sehr die Königin auch versuchte, sie abzulenken und aufzumuntern, es gab keinen Trost für sie. So vergingen die Wochen und zum ersten Mal erlebten die Menschen einen Winter ganz ohne Schnee und die Welt versank in tristem Grau. Doch davon bemerkte die Prinzessin nichts. Ihre Gedanken wanderten wieder und wieder zu dem Moment, als der fremde junge Mann ihr seine Liebe gestanden hatte. Und wann immer sie an ihn dachte, pochte sanft ihr Herz und ließ sie erschauern. Bis sie eines Tages wusste, dass sie nicht mehr gegen ihr immer lauter schlagendes Herz kämpfen wollte.

Und so kehrte sie heimlich in das Tal zurück, wo sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Langsam näherte sie sich den Felsen und entdeckte eine zusammengesunkene Gestalt, die am Fuße von einem der umgebenden Berge lag. Schon bevor sie nähertrat, wusste sie, dass er es sein würde, und zum ersten Mal fühlte sie nichts als Freude in ihrem Herzen. Kein Eis zerschellte in ihrer Brust. Es war das reine, unbändige Gefühl der Liebe, das sie durchströmte. Sie kniete neben ihm nieder und streichelte sanft sein Gesicht. Und als wären ihre Hände die kleinen, zärtlichen Schneeflocken, denen er sich entgegengestreckt hatte, schmiegte er sich an sie. „Du hast auf mich gewartet?“, flüsterte sie und er nickte, unfähig zu sprechen. „Die ganze Zeit? In der Kälte?“ Seine Augen schlossen sich wieder, aber ein kleines Lächeln formte sich still auf seinen Lippen. Sie legte sich zu ihm und lauschte seinem nur leise schlagenden Herzen. „Ich liebe dich auch.“, hauchte sie, bevor sie seine warmen Lippen zu einem einfachen Kuss berührte. All ihre Sinne tauchten in diese Berührung ein und zum ersten Mal erfuhr sie vollkommene Liebe. Sie spürte, wie ihr heißer werdendes Herz kraftvoll gegen sein frierendes pochte, und wusste, sie konnte es nicht bereuen.

der Kuss
der Kuss

Die Königin bemerkte bald, dass ihre Tochter den Palast verlassen hatte. Aus der Ferne sah sie die zwei ineinander verschlungenen Körper und wusste, dass ihre Tochter sich für die Liebe entschieden hatte.

Traurig sammelte sie die eisigen Tränen der Prinzessin auf. Sie wusste, Ihre Tochter würde nie zurückkehren. Und obwohl sie den Verlust tief in sich spürte, konnte sie nicht umhin, auch Freude zu empfinden. Und so schuf sie ein Schmuckstück, eine schneeweiße Uhr, eingefasst in das kostbare Funkeln der reinsten Diamanten. Sie war so einzigartig wie ihre Tochter. Ihr Glanz erinnerte sie an das Strahlen ihrer kristallenen Augen. In unermüdlichem Rhythmus liefen die feinen Zeiger voran, deren sanfte, nie endende Bewegung sie in Ewigkeit daran erinnern würde, dass auch das kälteste Herz nur ein wenig Zeit brauchte, um sich zu erwärmen.

Alacria Fancy Diva White
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(Test/Fotos: Carl F. Bucherer)

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